Wo sehen Sie Handlungsbedarf, damit die Luftfahrtbranche ihre ehrgeizigen Ziele erreichen kann?
Kaysser-Pyzalla: Die noch geringe Technologiereife zukünftiger Anwendungen verlangt großen Forschungs- und Entwicklungsbedarf. Dieser benötigt eine kontinuierliche Förderung und Unterstützung. Zum Gelingen sind geeignete regulatorische Rahmenbedingungen wie auch eine enge Kooperation und der Wissensaustausch mit der Industrie notwendig. Eine wichtige Rolle werden Demonstratoren auf Gesamtflugzeugebene einnehmen, denn Forschungsergebnisse müssen praktisch erprobt werden. Ein aktuelles Beispiel ist die DLR-MTU-Kooperation Do228 wie auch die evolutionäre Weiterentwicklung des Geared Turbofans.
Welche Rolle spielen für Sie als Werkstoffexpertin neue Materialien in der Luftfahrt?
Kaysser-Pyzalla: Neue Materialien ermöglichen neue Funktionalitäten, etwa in Batterien und Brennstoffzellen, aber auch z.B. für keimresistente Oberflächen in der Kabine. Leichtbau bleibt ein Thema: Interessant ist etwa der Ersatz metallischer Legierungen durch oxidische Keramiken etwa in Turbinengehäusen. Auch um das große Potential neuer Fertigungsverfahren, wie des 3D-Drucks, für komplexe Bauteile nutzen zu können, bedarf es der spezifischen Entwicklungen von Werkstoffen und optimierter Prozessführungen. Langfristiges Ziel ist es, auch spröde Werkstoffe, wie etwa Titanaluminide, drucken zu können sowie auch Bauteile mit hohen Anforderungen an die Lebensdauer und Kriechbeständigkeit herzustellen.
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat Sie als ‚erfahrene Wissenschaftsmanagerin‘ bezeichnet. Inwieweit helfen Ihnen Ihre bisherigen beruflichen Stationen bei Ihrer Arbeit für das DLR?
Kaysser-Pyzalla: Meine ingenieurswissenschaftliche Ausbildung hilft mir dabei, die Herausforderungen und Lösungsansätze in den DLR-Forschungsschwerpunkten zu verstehen. Sie ist auch Basis dafür, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen Ansätze bewerten zu können und gemeinsam die aussichtsreichsten und spannendsten Lösungen und Projekte voranzutreiben. Das eigene Erleben von Forschungsprozessen hat mir den Wert von Kreativität, aber auch Strategie und Durchhaltevermögen klar gemacht. Aus der Leitungserfahrung von Projekten und großen Organisationen habe ich die Bedeutung von Strukturen, Prozessen, Partizipation und Teamgeist mitgenommen. All das bringe ich ein in die Führung einer der größten ingenieurwissenschaftlichen Forschungsorganisation Europas.